Notzeit

Ende März 1945: die Rote Armee hat Danzig erobert. Seit der Vater von russischen Soldaten aus dem Luftschutzkeller geholt wurde, muss Diti die Mutter beschützen und fünf Geschwister vorm Verhungern bewahren. Der Dreizehnjährige, der sich in den letzten Kriegstagen als Abenteurer bewährt hat – er stahl der SS eine Lkw-Ladung Kommissbrote – scheint in dieser Zeit größter Bedrohung weder Skrupel noch Angst zu kennen. Im Wald findet er ein verwundetes Pferd, bewahrt es davor, geschlachtet zu werden, und geht mit Pferd und Wagen auf die Suche nach allem, was essbar ist. Er wagt sich in eine unter Trümmern verschüttete Apotheke und kehrt mit lebensrettenden Tabletten nach Hause zurück. Er bricht in einem polnischen Laden ein und klaut einen Sack Kartoffeln.

 

Um der Miliz zu entkommen, flieht er aufs Land zu polnischen Verwandten, die ihn, seine Mutter und Geschwister einen Sommer lang bei sich aufnehmen. In der Kaschubei stiehlt Diti ein Ruderboot, das einst der HJ gehörte, und fährt hinaus auf den See, um Aale zu fangen. Er wird geschnappt, geschlagen und eingesperrt. Ins inzwischen polnische Gdansk zurückgekehrt, erfährt er vom Schicksal derer, die von den Nazis vertrieben worden waren und erlebt, dass aus Lagern heimkehrende polnische Danziger ähnlich hungern wie Deutsche. Diti beginnt mit einer jungen Polin ein leidenschaftliches Liebesverhältnis von kurzer Dauer. Bald beginnt der große Exodus. In einem Güterzug fährt Diti mit Mutter und Geschwistern Richtung Westen - in ein Deutschland, von dem es heißt, es sei von der Landkarte ausradiert. An der Oder müssen die Flüchtlinge den Zug verlassen und am Bahndamm übernachten. Aus Deutschland nach Polen heimkehrende Zwangsarbeiter nutzen die Dunkelheit aus, um sich anzueignen, was die Flüchtlinge aus Danzig gerettet haben. Diti schleppt Eisenbahnschwellen heran und entfacht zum Schutz seiner Familie ein mächtiges, weithin leuchtendes Lagerfeuer… Auch nach dem Krieg ist die Not und Bedrohung für Kinder nicht zu Ende.

Rezension, Deutschlandradio KULTUR


Viele Jahre nach dem Tod der Mutter hatte der Schriftsteller, Drehbuchautor, Übersetzer und Filmdozent Wolfgang Kirchner, Jahrgang 1935, das Tagebuch - oder vielmehr - die hastig
hingeworfenen Notizen seiner Mutter gefunden. Geschrieben als kurze, unsentimentale Sätze auf dem wenigen Papier, das sie fand; Gedankenstützen für eine Zeit danach. Und sie wurden es tatsächlich: Wolfgang Kirchner nahm diese Aufzeichnungen als Ausgangspunkt für
sein Buch und schrieb sie weiter. "Wie können die Polen wissen, dass Papa dabei war? Es waren viele dabei, sonst hätten wir den Krieg gegen Polen nicht gewinnen können! Wir haben doch gewonnen, oder?" – "Wenn Papa den Nazis nicht gehorcht hätte", mischt Diti sich flüsternd in unsere Unterhaltung ein, "hätten wir seit sechs Jahren ohne Vater leben müssen. Dann wäre Papa schon 1939 ins Lager gekommen." – "Papa hat eine reine Weste", davon ist Diti überzeugt. Darauf sagt Achim nichts mehr. Ich höre ihn gähnen. Er rollt sich in seine Decke ein, denn es zieht an der offenen Wohnungstür." Mit feinem Gespür geschichtliche Hintergründe ausgelotet In "Notzeit" schildert Kirchner die Geschichte einer oder, um genauer zu sein, seiner Familie aus der Sicht eines zehnjährigen Jungen und erinnert dabei an die nicht sehr lang zurückliegende Zeit, als Deutsche auf der Flucht waren und Hilfe nötig hatten und verschweigt dabei nicht, dass und auf welche Weise die Danziger Deutschen sich ihre Situation selbst eingebrockt hatten. Immer wieder werden mit feinem literarischen Gespür die geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge ausgelotet. "Warum musste Papa unbedingt in Danzig bleiben?" stöhnt Mama leise. "Warum ist er immer noch in den Dienst gegangen, als schon die Tiefflieger die Leute in den Straßen beschossen? Was war das bloß für ein verrücktes Pflichtbewusstsein?" - "Ach, nun hören Sie endlich auf, Ihren Mann zu bedauern!" klingt es plötzlich ziemlich unfreundlich aus der Ecke, wo Frau Duschau sitzt. "Die ganze Kriegszeit hat Ihr Mann im Warmen gesessen! Meiner war sechs Jahre lang im Krieg, da gab's immerzu Tiefflieger." Während des Krieges war der Vater in Danzig stationiert, hatte Befehle empfangen und Befehle erlassen. Auch Schießbefehle. Seine beiden Uniformen - die braune der SA und die feldgraue der Wehrmacht – ließ er erst kurz vor dem Einmarsch der Russen durch den zweitältesten Sohn entsorgen. Er will den Russen in Zivil zu begegnen. Als er trotzdem verhaftet wird, muss die strenggläubig katholische Mutter ihre sechs Kinder allein durch die Wirren des Kriegsendes manövrieren. Dies tut sie mit klugem Überlebensinstinkt, hört dabei aber nie auf, ihren Ehemann zu verteidigen. Diese mitskizzierte menschlich schwierige Ambivalenz einer in Blindheit umgeschlagenen Liebe ist neben der historischen Dimension eine der großen Stärken des Buches. Danzig oder Damaskus? Es ist gut, dass Wolfgang Kirchner nicht auf die Zusage eines großen Verlags gewartet, sondern den Text jetzt, wo es geboten ist, bei epubli, einer Self-Publishing-Plattform für Autoren, herausgebracht hat. Denn trotz des historisch und geographisch genau verorteten Hintergrunds ist Notzeit ein ebenso zeitloses wie leider hoch aktuelles Buch. Statt in Danzig könnte es auch gut in Damaskus, Asmara oder Kabul spielen. "Der Junge kann sich nicht benehmen, als ob immer noch Krieg ist", höre ich Irene. "Der Krieg ist vorüber." Kirchner berichtet von der Ratlosigkeit eines Kindes, das eben noch für den Diebstahl von Broten, Medikamenten oder einem Pferd gelobt wurde und nun, nach der Flucht, plötzlich gescholten wird, weil es ohne zu fragen, das Fahrrad der wohlhabenden Kölner Tante ausgeliehen hat: "Unterscheiden lernen, was einem gehört und was nicht, damit fängt alle Erziehung an!" höre ich Irene. "Dass es Grenzen gibt!"
Als Leser beginnt man zu ahnen, was es heißt, aus dem Modus bloßen Überlebens überzuwechseln in die Normalität geordneter Verhältnisse - zumal für ein Kind, das geordnete Verhältnisse noch nie wirklich erlebt hat. Notzeit ist ein bewegendes Buch, das anregt, dem Thema Flucht noch einmal aus einer anderen Perspektive zu begegnen und eigene Überzeugungen zur gegenwärtigen Situation neu zu bedenken und möglicherweise zu justieren.

 

Heike Tauch, Deutschlandradio Kultur

 

Szenen der Angst (Hrsg.)

Beatrix Erhard, Wolfgang Malischewski, Severin Richter-Devroe, Dschingis Kühn und Wolfgang Kirchner zeigen in ihren hier zum ersten Mal veröffentlichten Erzählungen die Facetten der Angst von alltäglichem Horror über Wahn, Albtraum und Science Fiction bis zur Farce und schwarzem Humor.

Wolfgang Kirchner, Herausgeber der Kurzgeschichtensammlung „Szenen der Angst“, schrieb die Drehbücher zu den Bernhard-Wicki-Filmen „Das Spinnennetz“ und „Sansibar oder Der letzte Grund“, erhielt Preise für die Filme „Die Mauerbrockenbande“ und „Im Sommer sterb’ ich nicht so leicht“, lehrt an der Filmschule Hamburg Berlin Grundtechniken des Drehbuchschreibens.

 

Kirchner veröffentlichte bei epubli den Roman „Notzeit“, und demnächst erscheint hier sein Buch „Wie man überraschend gute Drehbücher schreibt“.

 

Wie man überraschend gute Drehbücher schreibt

Wie entsteht ein Drehbuch? Wie kommt man auf originelle Ideen? Wie schöpft ein Drehbuchautor aus eigenem Erleben? Sollte man einfach drauflosschreiben oder sich erst Gedanken machen, welches Thema man den Zuschauern vermitteln will? Kann man ein Drehbuch planen und wenn ja, wie sieht ein solcher Plan aus? Sollte man die Zuschauer mit Konflikten möglichst verschonen oder sind Konflikte für eine dramatische Story lebenswichtig? Wie schreibt man eine wirksame, spannende Szene und was macht eine Filmszene unvergesslich?

Wie nutzt man die Angst von Filmfiguren, um ihnen ein unverwechselbares Profil zu geben? Wie erzeuge ich Gefühle im Zuschauer - auch mit Figuren, die nicht nur sympathisch sind? Was unterscheidet guten Dialog von Geschwätz?

 

Wolfgang Kirchner ist bei den amerikanischen Scriptgurus Robert McKee, Linda Seger, John Truby, Laurie Hutzler und Blake Snyder in die Schule gegangen, hat sich ihre Lehren angeeignet und sie in seinen eigenen Drehbüchern (von denen zwei in diesem Band abgedruckt werden) umzusetzen versucht.

E-Books

Was Kinder können

Drei Erzählungen über Kinder, die eigentlich nur Liebe wollen und damit die Erwachsenen zur Verzweiflung treiben:  Ein Elfjähriger schafft die Wende vom Krieg zum Frieden nicht, kann nicht aufhören zu stehlen. Ein Zwölfjähriger verliebt sich in Zwillinge und setzt als Lockvogel eine Elster ein, während ein Pastor seine Mutter bedrängt... Ein Fünfzehnjähriger schläft mit einer Süßspeisenköchin und stürzt seine Eltern ins Chaos... Tragödien nicht ohne Humor. Die Erzählung "Familiengericht" inszenierte ich als Hörspiel für den SFB unter dem Titel "Eine Sitzung des Familienrats" - mit dem unvergessenen Otto Sander in der Hauptrolle. "Vera oder Maria" erhielt in Wien den Otto-Stoessl-Preis des Österreichischen Schriftstellerverbandes. "Gottes Geschenk für den Mann" wurde unter dem Titel "Erste Liebe" verfilmt.

 

Was für ein Film könnte hier spielen?

In seiner Kolumne für die "Berliner Morgenpost" hat Wolfgang Kirchner einen satirischen Blick auf die deutsche Filmlandschaft und Berlins Straßen geworfen und überlegt: Was für ein Film könnte hier spielen? Dabei nimmt er Filmemacher, die uns ein oft verqueres Bild der Realität anbieten, gelegentlich auf die Schippe. Ein Guide nicht nur für Cineasten.

Wenn allles in Scherben fällt

Seit in der Ost-Ukraine geschossen und getötet wird, ist alles Leid wieder präsent, das Millionen Deutsche bei Kriegsende 1945 im Osten erlitten. Seit Flüchtlingsströme aus dem Nahen Osten in unser Land fluten, werden wir an das Schicksal deutscher Flüchtlinge erinnert, die am Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verloren. Traumatisiert mussten sie sich in oft feindseliger Umgebung eine neue Existenz schaffen. Kinder sind die Leidtragenden, damals wie heute. - Ein autobiografischer Bericht vom Überleben in schlechten Zeiten.

Weitere Publikationen: